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Millionenrücklage, knappe Kasse: Seligenstadts Finanzproblem

Millionen in der Rücklage, doch die Kasse ist knapp: Warum Seligenstadts Finanzprobleme tiefer reichen und weniger Ausgaben keine Entwarnung bedeuten.

Rücklagen in Millionenhöhe, aber wenig Spielraum in der Kasse: Seligenstadts Haushaltsbericht zeigt die Spannungen zwischen finanziellen Reserven und laufendem Geldbedarf. Symbolbild mit KI erstellt.

Seligenstadt hat Rücklagen, doch die Kasse gerät unter Druck. Der Finanzbericht zeigt, warum niedrigere Ausgaben allein keine Entwarnung bedeuten.

Das Wichtigste kompakt

Seligenstadt verfügt über Rücklagen in Millionenhöhe. Trotzdem war in den ersten vier Monaten dieses Jahres aus Liquiditätsgründen keine Geldanlage möglich. Stattdessen zeigt der Haushaltsbericht eine Stadtkasse, die wiederholt deutlich ins Minus geriet. Dieser scheinbare Widerspruch führt mitten in das Finanzproblem der Stadt: Rücklagen aus früheren Überschüssen, verfügbares Geld und ein auf Dauer tragfähiger Haushalt sind drei verschiedene Dinge.

Die Unterlagen zur Stadtverordnetenversammlung am 7. September zeigen eine Stadt mit finanziellen Puffern, aber wachsenden Spannungen im laufenden Betrieb. Besonders aufschlussreich ist dabei, dass selbst geringere Aufwendungen das prognostizierte Defizit nicht verhindern.

Weniger Aufwand – und trotzdem ein größeres Loch

Für das Gesamtjahr 2026 weist der Bericht einen erwarteten Fehlbetrag von rund 4,23 Millionen Euro aus. Der gegenübergestellte Jahresansatz liegt bei etwa 2,38 Millionen Euro Minus. Damit fällt die Prognose rund 1,85 Millionen Euro schlechter aus.

Die Erklärung liegt vor allem auf der Ertragsseite. Die Hochrechnung bleibt bei den ordentlichen Erträgen rund 8,08 Millionen Euro unter dem Vergleichsansatz. Gleichzeitig sollen die ordentlichen Aufwendungen zwar um rund 6,23 Millionen Euro niedriger ausfallen. Diese Entlastung reicht aber nicht, um die schwächeren Erträge aufzufangen.

Das ist der erste wesentliche Befund: Die Stadt kann unter ihren vorgesehenen Aufwendungen bleiben und finanziell trotzdem schlechter abschneiden. Der Blick allein auf Ausgabendisziplin greift deshalb zu kurz.

Allerdings handelt es sich um eine Prognose auf Basis der ersten vier Monate, nicht um das feststehende Jahresergebnis. Bis Ende April weist die Ergebnisrechnung noch ein kleines Plus von rund 53.500 Euro aus. Im entsprechenden Vorjahreszeitraum waren es knapp 1,19 Millionen Euro.

Nicht jede Einnahmelücke ist ein Steuerausfall

Besonders groß wirkt die Abweichung bei Steuern und steuerähnlichen Erträgen: Für das Gesamtjahr liegt die Prognose rund 6,37 Millionen Euro unter dem ausgewiesenen Ansatz. Daraus lässt sich jedoch nicht ohne Weiteres ein entsprechender dauerhafter Steuerausfall ableiten.

Die Verwaltung benennt selbst ein Buchungsproblem. Im Bericht bis Ende April ist bei den Gemeindeanteilen an Einkommen- und Umsatzsteuer erst die Rate für das erste Quartal berücksichtigt. Der April-Anteil werde erst mit der zweiten Quartalsrate Ende Juli überwiesen. Entsprechende zeitliche Effekte betreffen auch den Familienleistungsausgleich sowie Umlagen auf der Aufwandsseite.

Schon bei der Einkommensteuer liegt der bis April gebuchte Ertrag rund 1,35 Millionen Euro unter dem gewichteten Vergleichswert. Bei der Gewerbesteuer ist die Abweichung mit rund 227.000 Euro deutlich kleiner.

Die entscheidende Frage lautet deshalb, wie sich die Jahresprognose nach den weiteren Abrechnungen verändert. Die Unterlagen erläutern den zeitlichen Effekt, machen aber nicht hinreichend nachvollziehbar, wie er in der Hochrechnung ausgeglichen wird. Die Millionenabweichung ist ein Warnsignal; ihre genaue Höhe verlangt eine aktualisierte Einordnung.

Rücklagen bezahlen noch keine Rechnung

Der Bericht nennt rund 14,24 Millionen Euro Rücklagen aus Überschüssen des ordentlichen Ergebnisses. Das ist ein wichtiger Puffer zum Ausgleich von Fehlbeträgen. Eine frei verfügbare Geldsumme auf dem Bankkonto ist diese Rücklage jedoch nicht.

Wie eng es bei den tatsächlichen Zahlungsmitteln werden kann, zeigt die Liquiditätskurve. Die gemeinsame Kasse von Stadt und Stadtwerken fällt Ende April zeitweise auf etwas mehr als fünf Millionen Euro ins Minus, bevor sie sich zum Monatsende wieder ungefähr der Nulllinie nähert. Als Kassenkreditermächtigung nennt der Bericht insgesamt sechs Millionen Euro, davon fünf Millionen für die Stadt und eine Million für die Stadtwerke.

Diese Schwankungen belegen keine Zahlungsunfähigkeit. Sie zeigen aber, wie stark die laufende Zahlungsabwicklung zeitweise von kurzfristiger Finanzierung abhängt. Dass im gesamten Betrachtungszeitraum keine Geldanlage möglich war, passt zu diesem Bild.

Schon die Haushaltsplanung weist zudem einen negativen Zahlungsmittelfluss aus laufender Verwaltungstätigkeit von rund 1,27 Millionen Euro aus. Damit liegt das Problem tiefer als bei einzelnen ungünstigen Zahlungsterminen: Bereits in der Planung decken die laufenden Einzahlungen die laufenden Auszahlungen nicht vollständig.

Was wie Sparen aussieht, bleibt teilweise zu erledigen

Auch auf der Aufwandsseite lohnt sich der zweite Blick. Bei den Gemeindestraßen liegen die Sach- und Dienstleistungen bis April rund 95.000 Euro unter dem gewichteten Ansatz. Die Verwaltung verweist dazu auf noch nicht abgearbeitete oder abgerechnete Bauhofaufträge, etwa Straßenreparaturen und die Umstellung der Beleuchtung auf LED.

Bei Planungsverfahren nennt sie Verzögerungen durch Planermangel, zusätzliche Gutachten und Probleme im Verfahren. Bei Parkeinrichtungen fehlen ebenfalls die Abarbeitung von Aufträgen und Bauhofrechnungen.

Solche Abweichungen verbessern zunächst die Zahlen. Sie belegen aber nicht, dass die Aufgaben dauerhaft günstiger erledigt werden. Wenn Arbeiten und Rechnungen später folgen, kann die vermeintliche Entlastung wieder verschwinden. Bleiben Arbeiten länger liegen, steht der kurzfristigen Haushaltsentlastung ein unerledigter Bedarf gegenüber.

Auch die Investitionsübersicht zeigt große noch nicht abgeflossene Beträge. Für den Feuerwehrfuhrpark stehen einschließlich übertragener Mittel 692.000 Euro bereit; bis Ende April sind rund 1.883 Euro ausgezahlt. Bei der Straßensanierung Frankfurter Straße stehen 466.500 Euro übertragenen Mitteln rund 846 Euro Auszahlungen gegenüber. Daraus lässt sich der Bau- oder Beschaffungsfortschritt nicht unmittelbar ablesen. Für die Finanzplanung bedeutet es aber: Diese vorgesehenen Zahlungen stehen weitgehend noch aus.

Betreuung zeigt die Grenzen der Entlastung

Wie geringere Aufwendungen und eine höhere Belastung zusammenkommen können, zeigt der Bereich Kindertagesstätten und Schulbetreuungen. Bis April liegt dessen Defizit bei rund 3,05 Millionen Euro – etwa 178.000 Euro schlechter als der gewichtete Ansatz.

Dabei bleiben die Aufwendungen rund 109.000 Euro unter dem Vergleichswert. Die Erträge liegen jedoch rund 288.000 Euro darunter. Vor allem die öffentlich-rechtlichen Leistungsentgelte fallen niedriger aus. Eine nähere Erklärung dafür liefert die betreffende Darstellung nicht.

Ein ähnlicher Effekt zeigt sich bei der Unterbringung von Asylbewerbern: Die Aufwendungen liegen unter dem Vergleichsansatz, gleichzeitig fehlen gegenüber diesem rund 230.000 Euro an Kostenersatz und Erstattungen. Ob diese Beträge später eingehen oder dauerhaft ausbleiben, lässt sich aus der Tabelle nicht erkennen. Höhere Defizite dürfen deshalb nicht pauschal mit gestiegenen Ausgaben erklärt werden.

Die Kostenbasis wächst seit Jahren

Hinter den kurzfristigen Schwankungen steht eine längerfristige Entwicklung. Nach der historischen Übersicht sind die ordentlichen Aufwendungen von rund 49,92 Millionen Euro im Jahr 2021 auf 64,82 Millionen Euro 2025 gestiegen: ein Zuwachs von knapp 30 Prozent. Die ordentlichen Erträge erhöhten sich im selben Zeitraum von 50,54 auf 63,85 Millionen Euro und damit um gut 26 Prozent.

Besonders ins Gewicht fallen Personal und der Sammelposten aus Steuern und gesetzlichen Umlageverpflichtungen. Die Personalaufwendungen stiegen von rund 8,49 auf 11,19 Millionen Euro, die Umlage- und Steueraufwendungen von 20,26 auf 27,13 Millionen Euro. Aus den Zahlen allein lassen sich die einzelnen Ursachen nicht bestimmen. Sie zeigen aber, dass große Kostenblöcke gewachsen sind, die sich kaum durch einzelne kleine Kürzungen auffangen lassen.

Für Entscheidungen im Herbst braucht es aktuellere Zahlen

Die Stadt versucht, ihre Berichte durch einen gewichteten Ansatz aussagekräftiger zu machen. Saisonale Verläufe und Zahlungstermine sollen dadurch besser berücksichtigt werden. Das ist sinnvoll. Die Erläuterungen zu fehlenden Steuerraten, ausstehenden Rechnungen und verzögerten Arbeiten zeigen allerdings, wie viel Einordnung weiterhin nötig ist.

Für die politischen Entscheidungen im Herbst ist deshalb vor allem eine aktualisierte Prognose entscheidend: Welche Erträge sind inzwischen tatsächlich eingegangen? Welche niedrigeren Aufwendungen bleiben bestehen? Und welche Zahlungen für laufende Aufgaben und Investitionen kommen noch?

Seligenstadt hat einen Puffer aus früheren Jahren. Der Bericht liefert aber keinen Grund, sich darauf auszuruhen. Rücklagen können Fehlbeträge abfedern; sie schließen keine wiederkehrende Lücke zwischen laufenden Erträgen und Aufwendungen. Genau daran wird sich die Haushaltspolitik messen lassen müssen: ob sie nur Zeit gewinnt oder die laufenden Finanzen dauerhaft stabilisiert.

Quelle: Unterlagen zur Stadtverordnetenversammlung vom 7. September 2026, Tagesordnungspunkt 9, Haushaltskurzbericht und Bericht zur Haushaltssituation Januar bis April 2026, PDF-Seiten 16–144. Analyse: Seligenstadt Kompakt. Sämtliche Angaben zur Entwicklung 2026 beziehen sich auf den Berichtsstand Ende April und die darin enthaltene Jahresprognose.

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