Geschäfte & Gewerbe

„Wer nur auf die Altstadt schaut, denkt zu klein.“

Wolfgang Pachali über seine Heimat, die Zukunft der Betriebe und die Frage, was Seligenstadt über die Altstadt hinaus braucht.

Wolfgang Pachali, Mitbegründer und Geschäftsführer der Seligenstadt Marketing und Tourismus GmbH, im Erkerzimmer des Einhardhauses mit Blick auf das Rathaus.
Wolfgang Pachali, Mitbegründer und Geschäftsführer der Seligenstadt Marketing und Tourismus GmbH, im Erkerzimmer des Einhardhauses mit Blick auf das Rathaus.

Im Erkerzimmer des Einhardhauses geht der Blick auf den Seligenstädter Marktplatz. Ein passender Ort für ein Gespräch darüber, was diese Stadt ausmacht – und was sie braucht, um auch in Zukunft wirtschaftlich stark und lebendig zu bleiben. Wolfgang Pachali, Mitbegründer und Geschäftsführer der Seligenstadt Marketing und Tourismus GmbH, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit diesen Fragen. Im Interview mit Seligenstadt Kompakt spricht er über die Sorgen der Betriebe, die Verantwortung der Kundschaft und die Frage, wie Geschäfte den Übergang zur nächsten Generation schaffen können. Vor allem aber geht es darum, welche gemeinsame Vorstellung Seligenstadt von seiner Zukunft entwickeln sollte.

Heimat und Verantwortung

Was verbindet Sie persönlich mit Seligenstadt, und was hat Sie bewogen, erneut Verantwortung im Stadtmarketing zu übernehmen?

Seligenstadt ist meine Heimat. Ich bin hier geboren, genieße die Vorteile dieser Stadt und engagiere mich gerne ehrenamtlich für sie, beispielsweise als Vorsitzender des Verwaltungsrats der TGS Seligenstadt mit ihren rund 2.000 Mitgliedern.

Vor gut 20 Jahren gehörte ich zu den Personen, die die Seligenstadt Marketing GmbH ins Leben gerufen haben. Später durfte ich die Gesellschaft mehrere Jahre als Geschäftsführer leiten.

Vor allem eine Frage reizt mich: Wie machen wir aus einer historisch außergewöhnlichen Stadt auch künftig einen wirtschaftlich starken, lebendigen und selbstbewussten Ort? Denn eine schöne Kulisse allein ist kein Erfolgsgarant. Seligenstadt muss attraktiv bleiben – für seine Bürgerinnen und Bürger, für Unternehmen, Gäste, Eigentümer und kommende Generationen. Daran mitzuwirken ist für mich Verantwortung und Privileg zugleich.

Sie haben viele Jahre in der Unternehmensberatung und der Kommunikationsbranche gearbeitet. Welche Erfahrungen helfen Ihnen bei Ihrer Aufgabe in Seligenstadt besonders?

Ich bin selbst Unternehmer. Das ist hilfreich, denn ich kenne die Sorgen um Fachkräfte, steigende Kosten, Bürokratie, Nachfolge oder den Druck durch den Onlinehandel aus eigener Erfahrung. Unternehmerinnen und Unternehmer erwarten, dass man ihnen zuhört und dass sie mit jemandem auf Augenhöhe kommunizieren können.

In der Verbandsarbeit habe ich gelernt, unterschiedliche Stimmen zu „dirigieren“, ohne sie gleichzuschalten. Stadtentwicklung funktioniert nicht per Ansage. Sie braucht die Stadt, das Gewerbe, die Eigentümer, die Vereine und die Bürgerschaft – aber vor allem ein gemeinsames Verständnis darüber, was erreicht werden soll.

Aus der Marken- und Kommunikationsarbeit nehme ich eine klare Überzeugung mit: Eine starke Marke entsteht, wenn Anspruch und Realität übereinstimmen. Seligenstadt hat das Potenzial, eine starke, attraktive Marke zu werden.

Was die Stadtmarketinggesellschaft leisten soll

Stellen Sie uns die Seligenstadt Marketing und Tourismus GmbH kurz vor: Warum wurde sie gegründet, wem gehört sie und welchen Auftrag hat sie? Wie hat sich ihr Aufgabenfeld im Laufe der Zeit verändert?

Die Seligenstadt Marketing GmbH wurde aus einer Überzeugung heraus gegründet. Gemeinsam lässt sich mehr erreichen als allein. Es braucht einen Ort, an dem Interessen gebündelt und gemeinsame Projekte vorangetrieben werden – letztlich zum Wohle jedes Einzelnen.

Die Gesellschaft gehört zu 51 Prozent dem Gewerbeverein Seligenstadt und zu 49 Prozent der Stadt Seligenstadt. Diese Konstruktion war damals bemerkenswert und ist bis heute von großem Vorteil, da sie unternehmerische Praxis mit öffentlicher Verantwortung verbindet. Die GmbH ist somit weder eine verlängerte Werkbank der Verwaltung noch eine reine Interessenvertretung des Gewerbes. Sie ist eine Plattform, die beide Perspektiven produktiv zusammenbringen kann.

Der Kernauftrag ist im Grunde derselbe geblieben: Seligenstadt soll als attraktiver Wirtschafts-, Einkaufs-, Aufenthalts- und Tourismusstandort weiterentwickelt werden. Verändert hat sich allerdings die Komplexität. Früher ging es stärker um Sichtbarkeit und Frequenz, um Werbung und Verkaufsförderung. Heute geht es zusätzlich um Leerstände, digitale Sichtbarkeit, attraktive Arbeitsplätze, Aufenthaltsqualität und die Frage, was eine erfolgreiche Stadt zukünftig auszeichnet. Deshalb liegt der Fokus erfolgreicher Städte heute auf strategischer Stadtentwicklung.

Mit welchen Anliegen können sich örtliche Betriebe an Ihre Gesellschaft wenden? Wie sieht Ihre Unterstützung konkret aus – und wie ergänzen Sie sich dabei mit der städtischen Wirtschaftsförderung und dem Gewerbeverein?

Betriebe kommen zu uns, wenn sie Kontakte suchen, sich stärker vernetzen möchten, Probleme ansprechen, gemeinsame Aktionen planen oder konkrete Herausforderungen diskutieren möchten.

Unser besonderer Wert liegt im Netzwerk. Wir bündeln Interessen, machen Themen sichtbar und organisieren Kooperationen. Attraktive Geschäftsstraßen sind der Nährboden für erfolgreiche Geschäfte. Eine hohe Aufenthaltsqualität lockt Kunden in die Geschäfte.

Wir sollten die Bereiche Stadtentwicklung, Wirtschaftsförderung, Standortmarketing und Tourismusförderung als eine Einheit betrachten. Diese Aufgaben dürfen nicht nebeneinander herlaufen. Sie müssen stets auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet und aufeinander abgestimmt werden.

Mehr als eine schöne Altstadt

Was zeichnet Seligenstadt als Wirtschaftsstandort aus? Welche Stärken werden neben Altstadt und Tourismus möglicherweise übersehen – auch in Froschhausen und Klein-Welzheim?

Seligenstadt muss mehr sein als eine schöne Altstadt mit touristischer Strahlkraft. Natürlich ist die historische Stadtmitte ein großer Schatz. Sie sorgt für Identität und Bekanntheit weit über die Region hinaus.

Wir sind eine traditionsreiche Stadt mit hoher Lebensqualität und Teil des starken Wirtschaftsraums Rhein-Main. Menschen wohnen gerne hier und Unternehmen profitieren von der Lage, der Erreichbarkeit und dem attraktiven Umfeld. Das ist ein Vorteil im Wettbewerb um Fachkräfte, Betriebe und Investitionen.

Dabei gehören Froschhausen und Klein-Welzheim ausdrücklich zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gesamtstärke Seligenstadts. Beide Stadtteile haben eigene Identitäten, Netzwerke und Potenziale. Wer nur auf die Altstadt schaut, denkt zu klein. Eine erfolgreiche Stadtentwicklung muss die gesamte Stadt im Blick haben: starke Quartiere, eine gute Versorgung, attraktive Treffpunkte, eine funktionierende Mobilität und Angebote, die nicht nur im Zentrum stattfinden.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Wer in Seligenstadt baut, bringt nicht nur viel Geld, sondern auch höhere Ansprüche mit. Dazu gehören beispielsweise eine hohe Aufenthaltsqualität sowie ein breites und tiefes Angebot an Einzelhandel, Gastronomie und Kultur.

Was die Betriebe beschäftigt

Wie erleben Sie derzeit die wirtschaftliche Lage der Seligenstädter Betriebe? Welche Herausforderungen beschäftigen Handel, Handwerk, Gastronomie und andere Branchen besonders?

Insgesamt erlebe ich die Seligenstädter Betriebe als wirtschaftlich stabil, engagiert und erstaunlich widerstandsfähig. In den vergangenen Jahren mussten sich viele Unternehmen durch Krisen, Kostensteigerungen, veränderte Kundenbedürfnisse und steigende regulatorische Anforderungen arbeiten. Das verdient Respekt. Gleichzeitig wäre es jedoch fahrlässig, die Lage schönzureden.

Die Herausforderungen sind je nach Branche unterschiedlich, aber einige Themen ziehen sich durch fast alle Gespräche: Der Fachkräfte- und Nachwuchsmangel, der Generationswechsel auf Seite der Unternehmen und Immobilienbesitzer, die steigenden Personal-, Energie-, Mietkosten, die Digitalisierung.

Wie bereits erwähnt, haben insbesondere die Neubürger und Gäste aus dem Rhein-Main-Gebiet hohe Erwartungen. Die Kundinnen und Kunden vergleichen Seligenstadt nicht nur mit dem Nachbarort. Sie vergleichen Seligenstadt mit Frankfurt, Hanau, Aschaffenburg, dem Internet und ihren Urlaubserfahrungen. Das kann einschüchtern – oder anspornen.

Ein gemeinsames Ziel für die Stadt

Welche zwei oder drei Veränderungen würden den Unternehmen vor Ort am meisten helfen? Was kann Ihre Gesellschaft selbst anstoßen, und wo sind Stadt, Eigentümer oder die Betriebe gefragt?

Die erste und wichtigste Veränderung ist ein verbindliches Zielbild für Seligenstadt. Wir brauchen eine gemeinsame Vorstellung davon, wie sich die Stadt in den kommenden fünf bis zehn Jahren entwickeln soll. Was soll uns zukünftig auszeichnen? Welche Vorteile bieten wir unseren Bürgerinnen und Bürgern, unseren Unternehmen und Selbstständigen?

Zweitens brauchen wir den Mut, sichtbare Leuchtturmprojekte zu realisieren. Nicht als Selbstzweck und nicht als Prestigeobjekte, sondern als Signal, dass Seligenstadt an seine Zukunft glaubt. Städte verlieren, wenn sich das Gefühl breitmacht, dass niemand mehr gestalten will. Leuchtturmprojekte erzeugen die Zuversicht, die wir benötigen, um ambitionierter zu denken und zu handeln. Deshalb sehe ich unseren Kernengpass derzeit nicht in der Wirtschaftsförderung oder im Stadtmarketing, sondern in der strategischen Stadtentwicklung.

Wie aus Besuchern Kunden werden

Wie lassen sich die Besucherinnen und Besucher Seligenstadts stärker für die örtlichen Geschäfte und Dienstleistungen gewinnen?

Im Vergleich zu vielen anderen Orten hat Seligenstadt kein grundsätzliches Frequenzproblem. Menschen kommen in die Stadt – wegen der Altstadt, der Gastronomie, des Mainufers, der Veranstaltungen, des Klosters, der Atmosphäre und der Gastfreundschaft. Unsere entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Wie bekommen wir noch mehr Menschen hierher?” Sondern: Wie schaffen wir es, dass aus Besucherinnen und Besuchern auch Kundinnen und Kunden werden?”

Die Antwort liegt in unserem hohen Qualitätsanspruch. Wer Seligenstadt besucht, erwartet keine Durchschnittsleistung. Die Menschen vergleichen uns mit urbanen Einkaufs- und Erlebnisorten wie Frankfurt, Hanau oder Aschaffenburg. Sie erwarten städtischen Flair und eine entsprechende Angebotsbreite und -tiefe.

Provokant formuliert: Eine schöne Fachwerkfassade verkauft noch nichts. Sie schafft jedoch Aufmerksamkeit. Kaufen werden Menschen jedoch nur dort, wo Angebot, Qualität, Service und Erlebnis zusammenpassen.

Vielfalt erhalten heißt Angebote nutzen

Ich finde es schön, dass wir hier im Ort noch so unterschiedliche Geschäfte und Dienstleistungsunternehmen haben. Was können die Seligenstädterinnen und Seligenstädter selbst dazu beitragen, dass diese Vielfalt erhalten bleibt?

Die Antwort ist einfach, auch wenn sie manchmal unbequem ist: Wer die Vielfalt vor Ort erhalten möchte, muss sie auch vor Ort nutzen. Das bedeutet: nicht nur loben und bedauern, wenn ein Geschäft schließt, sondern in Seligenstadt einkaufen, essen und Handwerks- oder Dienstleistungen in Anspruch nehmen.

Jeder in Seligenstadt ausgegebene Euro stärkt nicht nur einen einzelnen Betrieb. Er hilft auch dabei, Ausbildungsplätze, Arbeitsplätze, Begegnungsorte und ein lebendiges Stadtbild zu sichern. Kaufkraft, die nach Hanau, Aschaffenburg, Frankfurt oder ins Internet abfließt, fehlt am Ende in der eigenen Stadt.

Gleichzeitig sind auch die Unternehmen gefragt. Lokaler Handel bedeutet nicht, dass man automatisch Kundschaft hat, nur weil man einen bestimmten Standort hat. Wer vor Ort erfolgreich sein will, muss überzeugen: durch Qualität, Freundlichkeit, Sortimentskompetenz, zeitgemäße Öffnungszeiten, digitale Sichtbarkeit und eine Haltung, die Kundinnen und Kunden spüren lässt: Wir freuen uns, dass Sie da sind. Die Messlatte liegt hoch. Doch Seligenstadt hat die Chance, eine Stadt zu sein, in der das Einkaufen vor Ort nicht als Pflicht empfunden wird, sondern als die bessere Entscheidung.

Nachfolge rechtzeitig gestalten

„Gruber Kaffee-Tee-Schokolade“ besteht seit 30 Jahren und sucht eine Nachfolge. Wie verbreitet ist dieses Problem in Seligenstadt, und woran scheitern Übergaben aus Ihrer Erfahrung besonders häufig?

Dieses Beispiel steht stellvertretend für ein Thema, das viele Städte und Familienunternehmen beschäftigt. Unternehmensnachfolge ist kein einzelner Stichtag, sondern ein mehrjähriger Transformationsprozess. Wer erst dann über die Nachfolge spricht, wenn der Betrieb kurzfristig übergeben werden muss, hat bereits wertvolle Zeit verloren.

Wer führt weiter – und unter welchen Bedingungen? Eine familieninterne Übergabe ist dabei längst nicht mehr selbstverständlich. Aus meiner Erfahrung sind die häufigsten Gründe für gescheiterte Übergaben, dass die Nachfolge zu spät aktiv gestaltet wird, die Erwartungen an Kaufpreis, Rolle und Einfluss des Übergebers nicht ausreichend geklärt sind, Emotionen, familiäre Bindungen und wirtschaftliche Interessen nicht sauber voneinander getrennt werden und Alternativen zur Familiennachfolge zu spät oder gar nicht geprüft werden.

Ich plädiere für das Prinzip der „enkelgerechten Unternehmensführung“: Unternehmerische Entscheidungen sollten nicht nur auf die eigene aktive Zeit ausgerichtet sein, sondern auch die Frage beantworten, ob das Unternehmen in der nächsten Generation noch attraktiv und wettbewerbsfähig ist.

Und diese Frage gilt eins zu eins für die Stadt Seligenstadt: Wie muss die Stadt weiterentwickelt werden, damit sie im Jahr 2035 eine erfolgreiche und attraktive Stadt ist? Was muss ich, was müssen wir heute tun, damit die nächste Generation unsere Arbeit erfolgreich fortsetzen kann?

Herr Pachali, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Jessica Purkhardt für Seligenstadt Kompakt.

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