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„Seligenstadt bleibt die Hauptsache“

Felix Keil über seinen Weg ins Friseurhandwerk, einen schmerzhaften Rückschlag, den Neustart im alten Bahnhof und die Menschen, die seinen Salon prägen.

Felix Keil in seinem Salon „Hauptsache“ im alten Seligenstädter Bahnhof, wo heute anstelle von Fahrkarten Haarschnitte, Bartpflege und Zweithaar angeboten werden.
Felix Keil in seinem Salon „Hauptsache“ im alten Seligenstädter Bahnhof, wo heute anstelle von Fahrkarten Haarschnitte, Bartpflege und Zweithaar angeboten werden.

Ein hoher, heller Raum, viel Platz und dazwischen der rötliche Buntsandstein, der für Seligenstadt so typisch ist und auch das alte Bahnhofsgebäude prägt. Wo früher die Bahnhofskneipe war, sitzen wir heute mit Felix Keil in einer gemütlichen Sofaecke. Sein Bürostuhl ist ein Friseursessel. Nebenan läuft der Salonbetrieb in den früheren Räumen von Fahrkartenschalter und Bahnhofskiosk: Föhne surren, Gespräche mischen sich mit Schritten, Kundinnen, Kunden und das Team gehen ein und aus. Felix Keil selbst ist alles andere als das Klischee eines biederen Friseurmeisters: sportlich, bunt tätowiert, kurze Hose, offene Art.

Vom Umweg in den Familienberuf

Felix, Friseurhandwerk, Barber und Zweithaar in zweiter Generation: Dein Vater hat schon in diesem Beruf gearbeitet. War für dich früh klar, dass du einmal denselben Weg gehst?

Überhaupt nicht. Mein Vater hat 1976, in meinem Geburtsjahr, seinen ersten Laden im Rodgau eröffnet. Als Jugendlicher habe ich immer gesagt, dass ich darauf keine Lust habe. Ich habe zunächst an einer Privatschule eine Ausbildung zum Physiotherapeuten angefangen. Nach einem Jahr habe ich aber gemerkt: Das ist es auch nicht. 1995 habe ich dann doch die Friseurlehre begonnen.

Deine Ausbildung verlief allerdings nicht ganz klassisch.

Mein Lehrvertrag lief über meinen Vater, aber ich war jeweils für ein halbes Jahr als Volontär bei verschiedenen großen Firmen und habe dadurch auch die Industrie- und die professionelle Friseurbranche kennengelernt. Ich hatte das Glück, von Anfang an mit namhaften Friseuren zusammenzuarbeiten. Das war für mich eine sehr gute Schule.

Und die Selbstständigkeit – war das noch einmal eine große Entscheidung?

Nein, die war für mich von Anfang an klar. Wenn ich diesen Beruf mache, dann selbstständig. Ich habe einen starken Drang, Dinge selbst zu gestalten, und permanent neue Ideen im Kopf. Das ist übrigens manchmal auch ein Problem für meine Frau (lacht). Mein Vater hatte sich damals immer stärker auf Zweithaar spezialisiert. Irgendwann habe ich ihn sinngemäß gefragt, ob ich nun mal übernehmen kann. 2003 habe ich dann sein Geschäft in Nieder-Roden übernommen.

Der erste Salon – und eine harte Lektion

Wie bist du von Nieder-Roden nach Seligenstadt gekommen?

Meine Verbindung war längst hier. Seit der fünften Klasse ging ich in Seligenstadt zur Schule, mein ganzer Freundeskreis war hier, und durch mein Training im Vita Nova hatte ich viele Kundinnen und Kunden aus Seligenstadt. Eines Morgens erzählte mir ein Kunde, dass in der Bahnhofstraße ein Geschäft frei werde. Ich habe den Eigentümer noch am selben Tag angerufen, mir mittags die Räume angesehen und abends den Mietvertrag unterschrieben. 2006 habe ich dort eröffnet.

Der erste Salon war deutlich kleiner als der heutige – und trotzdem mehr als nur ein Ort zum Haareschneiden.

Er hatte vielleicht 60 oder 70 Quadratmeter, aber wir haben das Optimale herausgeholt. Sogar eine Bar war eingebaut. Die Leute kamen nicht nur zum Haareschneiden, sondern auch auf einen Kaffee vorbei, und manchmal gab es abends Veranstaltungen. Der Laden wurde zu einem Treffpunkt in der Bahnhofstraße. Auch das Gebäude hatte schon Geschichte: Früher war dort die Kneipe Concha, zeitweise auch das Vita Nova. Offenbar zieht es mich immer wieder in Seligenstädter Traditionsgebäude.

Dann kam deine erste große Krise als Selbstständiger.

Ja. Zwei Mitarbeiterinnen kündigten von heute auf morgen und machten sich selbstständig. Bis dahin war alles immer nur höher, schneller, weiter gegangen. Plötzlich habe ich gemerkt, was Selbstständigkeit eben auch bedeutet. Irgendwann ging es nicht mehr, und ich habe das Geschäft Ende 2009 verkauft. Danach war ich sechs Jahre in einem anderen Beruf. Meine Frau war schließlich diejenige, die gesagt hat: „Junge, du bist einfach Friseur – wir machen das wieder.“ Und da war die Lust auch wieder da.

Wie aus „Einschnitt“ die „Hauptsache“ wurde

Der Name „Hauptsache“ stammt aber noch aus deiner ersten Zeit als Unternehmer. Wie ist er entstanden?

Mein erster Einfall war „Einschnitt“. Damit bin ich voller Überzeugung zu einer Marketingagentur gefahren. Die beiden Berater dort sagten mir unverblümt und wörtlich, das sei der größte Scheißname, den es gebe – viel zu negativ. Begeistert war ich von dieser Einschätzung zunächst nicht. Auf der dreistündigen Heimfahrt musste ich aber einsehen, dass sie recht hatten. Kurz vor Fulda kam mir „Hauptsache“ in den Sinn. Ich habe die beiden noch am selben Abend angerufen. Ihre Antwort war: „Das ist der Name. Das ist der absolute Knaller.“ Weil die Hauptsache für alles steht: nicht nur für einen Haarschnitt. Die Hauptsache sind die Kunden, die Hauptsache sind die Mitarbeiter, die hier arbeiten. Und auch das Haupt und die Sache lassen sich voneinander trennen.

Wenn du „Hauptsache“ heute jemandem beschreiben solltest, der den Salon nicht kennt – was macht ihn aus?

Als Erstes würde ich die Menschen empfehlen, die hier arbeiten. In Seligenstadt gibt es viele gute Friseure, die ihr Handwerk beherrschen. Was uns besonders macht, sind die Persönlichkeiten im Team. Das sind starke Charaktere, und genau das liebe ich. Dadurch haben wir eine klare Kommunikation und sehr unterschiedliche Stärken. Wir können fast alle Kundenwünsche abdecken – von modernen Farb- und Schnitttechniken über Haarverdichtung bis zur Haaranalyse. Viele im Team sind schon seit Jahren dabei. Das bedeutet mir als Arbeitgeber sehr viel.

Mehr als Haareschneiden

Zum Angebot gehören das klassische Friseurhandwerk, ein Barber-Bereich und Zweithaar. Warum war dir diese Breite wichtig?

Mit dem Barber-Bereich waren wir hier im alten Bahnhof vor fast zehn Jahren die Ersten in Seligenstadt, die das in dieser Form angeboten haben. Wir mussten uns die Spezialisierung aneignen. Für mich war sie zunächst ein Schwerpunkt, inzwischen beherrschen sie auch mehrere Mitarbeiterinnen, weil ein Bart eine schöne Abwechslung zum klassischen Haarschnitt ist. Gleichzeitig war mir von Beginn an klar, dass ich mich langfristig stärker auf Zweithaar konzentrieren möchte.

Warum ist dir das so wichtig?

Zweithaar bekommt noch immer viel zu wenig Beachtung. Gerade Männer mit genetisch bedingtem Haarausfall scheuen das Thema, weil sie sofort an den alten „Fiffi“ denken. Moderne Haarsysteme können aber dauerhaft befestigt werden und sind praktisch nicht zu erkennen. Dazu kommen Menschen, die etwa durch eine Chemotherapie ihre Haare verlieren. Es gibt heute sehr viele Möglichkeiten.

Mir geht es darum, Betroffenen ein Stück Wohlgefühl und Sicherheit zurückzugeben. Dafür beraten wir in separaten Räumen und absolut diskret. Über kosmetische Eingriffe im Gesicht wird inzwischen offen gesprochen – beim Zweithaar ist die Distanz häufig noch viel größer, obwohl es Menschen ganz unmittelbar dabei helfen kann, sich wieder wohlzufühlen.

Neustart im alten Bahnhof

Als du deinen ersten Salon abgegeben hast, fiel ein Satz, der Jahre später beinahe prophetisch wirken sollte. Was ist damals passiert – und wie wurde daraus Jahre später plötzlich wieder ein konkreter Plan?

Im Jahr 2009, am letzten Abend im alten Salon saßen wir noch mit 12 oder 15 Leuten zusammen. Alle unterschrieben auf den letzten Geldscheinen aus der Kasse. Diese Scheine hängen heute eingerahmt im Salon. Damals habe ich gesagt: „Wenn ich noch einmal einen Laden aufmache, dann nur in einer alten Tankstelle oder in einem Bahnhof.“

2016 wurde es dann plötzlich konkret: Während der alte Bahnhof in die Sanierungsphase ging, wurde gleichzeitig die Tankstelle in der Ellenseestraße frei. Da dachte ich: „Oh je, jetzt wird das Ganze konkret.“

Was hat dich am Bahnhof überzeugt?

Als wir zum ersten Mal durch die entkernte Baustelle gingen, kamen natürlich sofort die Erinnerungen zurück: Plötzlich wusste ich wieder genau, wo die Ausgänge zu den Bahnsteigen waren und wo der Kiosk gewesen war, an dem man sich morgens oder nach der Schule seine Naschtüte geholt hatte. Auch die Gewölbekeller haben wir uns angesehen. Bei den gemeinsamen Planungen war mir besonders wichtig, dass die alten Innenmauern erhalten und saniert werden. Das war ziemlich kostspielig, aber der Eigentümer hat es gemacht – und genau diese Mauern prägen das Gebäude heute von innen.

Die Einrichtung wirkt ungewöhnlich offen und wandelbar.

Die ersten Einrichtungskonzepte hätten weit über 100.000 Euro gekostet. Das wollte und konnte ich nicht: Ich wollte mich nicht bis zum Umfallen verschulden. Deshalb entstand die Idee, mit beweglichen Elementen zu arbeiten und große, offene Flächen zu behalten, statt alles mit starren Plätzen vollzustellen. Wir haben die Einrichtung inzwischen mehrfach verändert. Das geht nur, weil die Grundidee flexibel ist. Als Standort, Konzept und Finanzierung zusammenpassten, gab es keine Ausrede mehr: Im Februar 2017 haben wir im alten Bahnhof eröffnet.

In Seligenstadt zählt die Verbindung zu den Menschen

Warum musste es trotz aller möglichen Standorte wieder Seligenstadt sein?

Weil „Hauptsache“ hier schon eine Verbindung zu den Menschen hatte. Viele kenne ich seit der Schulzeit, meine Frau Caro hat ebenfalls ihre Wurzeln hier. Deshalb gab es für uns eigentlich keine andere Option. Ich hatte vorübergehend sogar darüber nachgedacht, weitere alte Bahnhöfe zu suchen und Filialen daraus zu machen.

Aber am Ende ist für mich wichtiger, was wir hier geschaffen haben: einen Arbeitsplatz, an dem sich das Team wohlfühlt – und hoffentlich auch die Kundinnen und Kunden. Wer zu uns kommen möchte, kommt auch von außerhalb. Seligenstadt bleibt also die Hauptsache.

Welchen Rat gibst du Menschen, die sich mit einem Dienstleistungsbetrieb in Seligenstadt selbstständig machen wollen?

Wer den Drang hat, sich selbst zu verwirklichen, sollte es versuchen. Wir haben nur dieses eine Leben. Schwierigkeiten wird es immer geben. Man kann hinfallen und wieder aufstehen. Für Seligenstadt gilt aber besonders: Man muss auf die Menschen zugehen, Kontakte knüpfen, sich zeigen und Teil der Gemeinschaft werden.

Wer von außen kommt und sich nicht mit der Stadt und ihren Menschen verbindet, wird es schwer haben. Seligenstadt ist speziell – aber wenn man sich darauf einlässt, bekommt man sehr viel zurück. Meine Kontakte und meine Verbundenheit mit der Stadt konnten nur so entstehen.

Das Gespräch für Seligenstadt Kompakt führte Jessica Purkhardt. Sie und Felix Keil kennen sich persönlich und sind deshalb per Du.

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