Ein Gang durchs Rathaus, die nächtliche Runde einer Zeitungsbotin, das Leben über und unter einer Wasseroberfläche: Die siebte Seligenstädter Lyriknacht zeigte, wie unterschiedlich sich Welt in Sprache verwandeln lässt. Im gut gefüllten Jakobsaal verband sich das mit zehn Jahren Skriptorium Seligenstadt und der Erinnerung an Mitbegründer Bernhard Bauser.
Das Wichtigste kompakt
- Die siebte Seligenstädter Lyriknacht fand am 17. Oktober im Jakobsaal des St. Josefshauses unter dem Motto „Räume – Orte – Verortungen“ statt.
- Das Skriptorium Seligenstadt beging zugleich sein zehnjähriges Bestehen und erinnerte an Mitbegründer Bernhard Bauser.
- Vier literarische Suiten führten unterschiedliche Stimmen und Formen zusammen, gegliedert durch Percussion-Improvisationen von Günter Bozem.
Schreiben als Reparaturbewegung
Zwischen dem eigenen Erleben und der Welt liegt eine Reibungsfläche. Was draußen geschieht, fügt sich selten bruchlos in das, was Menschen denken, fühlen oder erhoffen. Schreiben kann der Versuch sein, diesem Verhältnis eine Form zu geben. Als eine solche Reparaturbewegung wurde es in der Einleitung des Abends beschrieben: als Ausbalancieren von Gedanken und Gefühlen, Ängsten und Hoffnungen.
Das war ein anspruchsvoller Ausgangspunkt für eine Lyriknacht, deren Motto zunächst ganz handfest klang: „Räume – Orte – Verortungen“. Doch ein Ort ist in der Literatur mehr als eine Adresse. Er wird durch die Wahrnehmung derjenigen bestimmt, die ihn betreten, durchqueren oder in Erinnerung behalten. Selbst ein Verwaltungsgebäude kann dabei zum Schauplatz einer kleinen Odyssee werden.
Zum zehnjährigen Bestehen des Skriptoriums gehörte auch das Gedenken an Bernhard Bauser. Der Mitbegründer blieb im Programm mit eigenen Texten gegenwärtig, darunter „Konventgarten“ und „Der Klangmigrant“. Erinnerung erhielt damit die Form, die einer Gemeinschaft von Schreibenden besonders entspricht: Seine Worte wurden erneut hörbar.
Die unendlichen Weiten des Rathauses
Den Auftakt der ersten Suite machte die Seligenstädterin Rita Schönig. „Unendliche Weiten“ führte in die Verwaltungsräume des Rathauses, auf dem Weg zu einer Gewerbeanmeldung. Zeit, Geld und Geduld müsse man dafür mitbringen, so ihre Beschreibung. Die Weite lag hier im Abstand zwischen einem überschaubaren Anliegen und dem Weg zu seiner Erledigung. Aus Alltagserfahrung wurde literarische Komik.
Ira Lenski aus Frankfurt wechselte anschließend die Perspektive. In „Nachts in Zeilsheim“ beschrieb sie aus dem Blickwinkel einer Zeitungsbotin, was alles nicht in der Zeitung steht. Wer Nachrichten verteilt, bewegt sich zugleich durch eine Wirklichkeit, die auf den bedruckten Seiten keinen Platz findet. Der vertraute Gegenstand Zeitung bekam so eine zweite Seite: das unbeachtete Leben entlang seines Zustellwegs.
Die Zellhäuser Rechtsanwältin Christiane Brzoska brachte mit „Räume & Orte“ ihre reimende Stimme ein. Brigitte Rosanowitsch-Galinski wiederum zeichnete mit „Die Forelle“ ein Stillleben im Übergang: vom lebenden Wesen zur Speise.
Astrid Ina Darali aus Bad Homburg öffnete mit „Reicher Fluss“ einen weiteren Wahrnehmungsraum. Nebel, Vogelflug, Libellen und Fischbrut bilden darin ein bewegtes Gefüge. Die Aufmerksamkeit wandert von der Luft zur Wasseroberfläche und schließlich hinab zu einem Leben, das sich dem unmittelbaren Blick entzieht.
Reicher Fluss
Von Astrid Ina Darali
An frühem Morgen atmet die Zeit Frieden
gerötet gleitet samten Nebel
wabert wattig Dunst in Schwaden
als Flusses Gefolgschaft dem nahen Meere zu.
Säuselnde Brise kräuselt das Nass
fächelt kühle feuchte Luft heran
sie schmeckt nach Salz und
der zu erwartenden Hitze des Tages.
Weit oben über Dunst und Nebel
fliegen die Zieher vorbei
ferner Heimat entgegen.
Flügel rauschen
ihre Spitzen berühren klatschend das Wasser
schneller und schneller wird das Rudern
bis der Auftrieb das Abheben erzwingt.
Grünblau schillern Libellen
schwirren in zackigem Flug
durch flirrende Fläche
jagen sie ihre Speise.
In licht- und wärmegefluteten
UferSeichten
flitzt heranwachsende Brut
in schierer Aufregung blitzend umher.
Aus dem Bett steigen Blasen
trudeln glucksend an die Oberfläche
künden von verborgenem Leben
in trüben gemeinen Tiefen.
An begischteten salzkrustigen Uferböschungen
stöckeln eifrig pickend hungrige Möwen
auf fleisch-rötlichen staksigen Beinen
durch schwarzbraunen dampfenden Schlick.
Der Fluss liegt ergeben treu zufrieden
in erobert breit und tiefem Bett.
Laute scherzende
plappernde schwatzende
übermütig lachende
einander liebende
stille vor sich hin weinende
innehaltende nachdenkliche
Reisende
befahren in
Vergnügungsbooten
Ruderbooten
auf Schlepp- und Lastkähnen
den unbeeindruckt träge
gleichmütig Fließenden.
Er nimmt sie alle mit sich
wie das lose Gestrüpp der Bäume
gebrochen in Stürmen vergangener Nächte.
Hier und da hüpfen die Gefährte
an Schnellen durch die Strudel
überwinden das Geschaukel
doch manches kentert sinkt
wird nicht mehr gesehen.
Der Fischer dort am
gegenüber liegenden Ufer
holt reichen Fang ein.
Wie an allen Tagen
bereitet er
dem Heimkehrenden
das festliche Mahl.
Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Zum Anstoß für ihr Gedicht nennt Astrid Ina Darali die Vorstellung eines von ihr geliebten Flusses. Hinzu kommen sehr unterschiedliche literarische, biblische und musikalische Bezüge: die Menschenfischer und das Buch Hesekiel, Kapitel 47, Vers 10, William Shakespeares „The Tempest“, Chris de Burghs „Don’t Pay the Ferryman“ sowie das letzte Abendmahl. Daneben steht das Wortspiel „Des letzten Abends Mahl“. Als weiteren Ausgangspunkt beschreibt sie das Leben in seinen Gegensätzen: Anfang und Ende, Oben und Unten, Gut und Böse, bunte und braune Gesinnungen – und schließlich die Gleichheit aller angesichts der Endlichkeit.
Aneinander und an den Genres wachsen
Die unterschiedlichen Formen gehörten zum Selbstverständnis des Abends. Sven Buchsteiner brachte es auf den Satz: „Wir wachsen aneinander und an den Genres.“ Das Skriptorium bietet Raum für diese Begegnung unterschiedlicher literarischer Arbeitsweisen. Auch die Lyriknacht ließ Platz für erzählerische Passagen, Reim, Sprachspiel und genaue Beobachtung.
Günter Bozem setzte dazu auf verschiedenen Percussion-Instrumenten eigene Akzente. Seine Improvisationen gliederten die Suiten und veränderten zwischen den Texten die Art des Zuhörens: Auf die Bedeutung der Wörter folgten Rhythmus, Klang und das Verklingen eines Tons.
Wie weit die Verbindungen des Skriptoriums reichen, zeigte sich auch im Publikum. Der Nidderauer Peter Jabulowsky war offenkundig mit eigener Anhängerschaft angereist und trug zu den gut gefüllten Stuhlreihen bei. Die schon länger bestehende Verbindung zwischen dem Skriptorium Seligenstadt und Nidderau war an diesem Abend auch in den Publikumsreihen spürbar.
Zehn Jahre Skriptorium und sieben Lyriknächte erzählen auch von dieser Kontinuität: Menschen schreiben, tragen vor, hören einander zu und kommen wieder. Die Reibung zwischen Selbst und Welt bleibt dabei bestehen. An diesem Abend wurde sie zum Stoff einer gemeinsamen literarischen Erfahrung.
Quellen: Skriptorium Seligenstadt, Astrid Ina Darali, jepu