Sanftes, gedämpftes Licht dringt durch die halb heruntergelassenen Rollos in Rita Schönigs „kriminelle Schreibwerkstatt“ in der Kaiser-Karl-Straße. Hier hat sie sich einen angenehmen Raum geschaffen, um von hier aus ihre Cozy-Krimis an immer neuen Orten in Seligenstadt spielen zu lassen. Ringsherum stehen die Bücher, die sie bisher veröffentlicht hat. Vor allem die roten Rücken der Seligenstadt-Krimis fallen ins Auge – längst eines von Schönigs Markenzeichen. Im Mittelpunkt ihrer Krimireihe stehen die Senioren-Soko und Kriminalhauptkommissarin Nicole Wegener.
Im Interview mit Seligenstadt Kompakt spricht Rita Schönig darüber, wie eine Baugrube sie auf die Idee zu ihrem ersten Seligenstadt-Krimi brachte, warum sie ihre Tatorte selbst erkundet, wie genau sie Polizeiarbeit recherchiert, weshalb Seligenstädter Dialekt in ihren Büchern nicht fehlen darf – und wann der nächste Krimi erscheinen soll.
Vom Schreiben zum ersten Seligenstadt-Krimi
Frau Schönig, wie sind Sie überhaupt zum Schreiben gekommen?
Geschrieben habe ich schon immer gern, schon als Kind. Ich habe gerne Aufsätze verfasst und meinen Lehrerinnen kleine Geschichten geschrieben. Als Teenager waren das natürlich auch Liebesgeschichten. Später ist das durch den Beruf ein bisschen verloren gegangen, weil einfach die Zeit fehlte.
Als ich dann mein Geschäft hatte, gab es zwischendurch auch ruhigere Zeiten. Da habe ich hinten angefangen zu schreiben. Mein erster Roman war „Regenbogen am Horizont“, eine Familiengeschichte aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Darin habe ich vieles verarbeitet, was mir meine Mutter über ihre Familie erzählt hatte, arme Bauersleute aus Klein-Welzheim. Danach kam mit „Das Asylhaus“ ein historischer Roman über Seligenstadt.
Und wie kamen sie dann zum Krimi?
Das war eigentlich ganz lustig. Ich kam mittags vom Geschäft nach Hause und hier in der Nachbarschaft wurde gerade ein altes Haus abgerissen. Das Grundstück hatte jahrzehntelang ziemlich verwahrlost dagelegen. Ich stand da, habe den Bagger angeschaut und plötzlich gedacht: Was wäre eigentlich, wenn die jetzt dort Skelette finden?
Ein oder zwei Tage später habe ich meinem Mann davon erzählt. Der sagte nur: „Dann schreib doch einen Krimi.“ Und ich habe gesagt: „Ich kann doch gar keine Krimis schreiben.“ Bei einem Krimi muss schließlich alles strukturiert und nachvollziehbar sein, und spannend soll es auch noch sein.
Dann habe ich trotzdem angefangen. Und irgendwann war der erste Krimi fertig: „Düsteres Erbe“.
Seligenstadt liefert die Schauplätze
Sie sind in Seligenstadt geboren. Warum eignet sich die Stadt für Sie so gut als Krimischauplatz?
Ganz lapidar gesagt: Weil es damals noch keine Seligenstadt-Krimis gab. Es gab Frankfurt-Krimis, Taunus-Krimis, Darmstadt-Krimis und Aschaffenburg-Krimis. Nur in Seligenstadt hatte sich noch nichts getan.
Und hier gibt es natürlich unglaublich viele historische Orte. Nach dem ersten Buch habe ich angefangen, mir ganz bewusst Schauplätze auszusuchen. Wir haben Sonntagsspaziergänge gemacht und dabei überlegt, welche Orte sich eignen könnten. So kamen nach und nach immer neue Plätze dazu.
Hat das Schreiben Ihren eigenen Blick auf Seligenstadt verändert?
Ja. Ich habe tatsächlich Orte entdeckt, von denen ich vorher nichts wusste. Ein Beispiel ist der Schachenbrunnen. Ich kannte ihn überhaupt nicht. Mein Mann fragte: „Du warst noch nie dort?“ Er kannte ihn noch aus seiner Kindheit.
Für das Buch sind wir dann hingewandert, weil ich die Örtlichkeit sehen und Fotos machen wollte. Ich gestalte meine Cover ja auch selbst. Wir haben zunächst einen ziemlich abenteuerlichen Weg genommen und uns schon gefragt, ob wir am Abend überhaupt wieder aus dem Wald herauskommen. Auf dem Rückweg haben wir dann festgestellt, dass es einen ganz geraden Weg Richtung Dudenhöfer Straße gibt. So entdeckt man plötzlich seine eigene Heimatstadt noch einmal neu.
Wenn selbst die Autorin den Täter noch nicht kennt
Wie wird aus der ersten Idee ein fertiger Fall? Stehen Täter und Auflösung für Sie von Anfang an fest?
Bei manchen Büchern habe ich das Konstrukt schon ziemlich früh im Kopf, aber noch nicht alle Details. Es ist mir allerdings auch schon passiert, dass mehr als die Hälfte des Buches geschrieben war und ich selbst noch nicht wusste, wer der Täter ist.
Dann denke ich irgendwann: Jetzt musst du langsam mal in die Gänge kommen und einen Täter präsentieren. Wenn ich mich entschieden habe, muss ich natürlich vorne noch einmal etwas ändern und Hinweise einbauen. Die Leser sollen schließlich die Möglichkeit haben, mitzudenken. Aber die Hinweise dürfen auch nicht so deutlich sein, dass sofort alles klar ist.
Senioren-Soko trifft Kriminalpolizei
Neben Kriminalhauptkommissarin Nicole Wegener und ihrem Team ermittelt in Ihren Büchern die Senioren-Soko. Was reizt Sie an diesem Zusammenspiel zwischen Polizei und privaten Ermittlern?
Ich finde das einfach prickelnd. Nicole Wegener und ihr Team sind gestandene Kriminalisten und wissen natürlich, was sie tun. Und dann kommt da diese Rentnergruppe, mischt sich ein und bringt plötzlich Informationen mit.
Gerade in Seligenstadt funktioniert manches über persönliche Kontakte. Ich nenne das immer ein bisschen das Seligenstädter Geklüngel: Man kennt sich, und nicht jeder gibt einer fremden Person sofort alles preis. Die Senioren-Soko kommt deshalb manchmal an Informationen, die Nicole Wegener auf dem offiziellen Weg überhaupt nicht bekommen hätte. Das gibt sie in den Büchern auch immer wieder zu.
Recherche bis ins Detail
Wie recherchieren Sie, damit Schauplätze, Ermittlungen und Abläufe glaubwürdig bleiben?
Wenn ich irgendwo eine Leiche hinlege, schaue ich mir diesen Ort sehr genau an. Ich recherchiere natürlich auch im Internet, aber da stimmt nicht immer alles. Für meinen historischen Roman habe ich beispielsweise mit Büchern und Zeitungsartikeln gearbeitet und im Seligenstädter Archiv recherchiert.
Bei einzelnen Schauplätzen suche ich mir Menschen, die sich dort wirklich auskennen. Für den Roten Brunnen und den Schachenbrunnen habe ich zum Beispiel sehr viele Informationen von Albert Kämmerer bekommen. Beim Steinheimer Torturm durfte ich mit den Funkern eine ausführliche Besichtigung machen. Wir waren von oben bis unten überall und durften Fotos machen.
Für „Brandleiche“ waren wir bei der Feuerwehr. Da wollte ich genau wissen: Was passiert, wenn es dort brennt? Wer wird zuerst gerufen? Wie läuft der Einsatz ab? Kommt ein großes Feuerwehrfahrzeug überhaupt in die Kleingärten hinein? Das sind Dinge, die für mich stimmen müssen.
Ich kann besser schreiben, wenn ich einen Ort plastisch vor Augen habe. Deshalb mache ich viele Fotos und Notizen.
Und die Polizeiarbeit?
Da habe ich einen guten Bekannten, der früher bei der Kriminalpolizei gearbeitet hat. Von ihm habe ich viele Hinweise zu Abläufen und Fachausdrücken bekommen. Mir ist wichtig, dass es möglichst genau stimmt.
Ich bin da perfektionistisch. Wenn ich im Fernsehen sehe, dass Dinge völlig unrealistisch dargestellt werden, fällt mir das sofort auf. Ich möchte wissen: Wer kommt zuerst an einen Tatort? Was passiert danach? Welche Konsequenzen hat etwas für den Täter? Wie arbeiten Polizei, Gericht oder Anwälte? Natürlich schreibe ich Unterhaltung, aber die Abläufe sollen glaubwürdig sein.
Wenn sich Menschen in Figuren wiedererkennen
Entstehen Ihre Figuren nach realen Vorbildern?
Teilweise gibt es natürlich Menschen, die Anregungen geben. Aber mir ist auch schon etwas ganz anderes passiert: Leute haben sich in Figuren wiedererkannt, obwohl ich sie gar nicht kannte.
Jemand sagte mir einmal über eine Figur bei der Polizei sinngemäß: „Das ist genau mein Chef.“ Dabei hatte ich diesen Menschen noch nie gesehen. So etwas ist mir schon mehrfach passiert. Ich kann auch nicht richtig erklären, wie das funktioniert. Man denkt sich eine Figur aus – und irgendwo gibt es offenbar tatsächlich jemanden, der ganz ähnlich ist.
Cozy-Krimis statt blutigem Thriller
Sie bezeichnen Ihre Bücher als Cozy-Krimis. Was bedeutet das für Sie?
Für mich ist das ein Schmunzelkrimi oder Softkrimi. Es ist kein Thriller und es geht nicht darum, möglichst grausam oder blutig zu werden. Natürlich gibt es eine Leiche – es ist schließlich ein Krimi. Aber die Geschichte soll nicht davon leben, dass sich die Leser gruseln.
Es geht um das Regionale, um die Menschen, um Humor und um die Orte. Ich habe schon Leserinnen gehabt, die gesagt haben, sie würden eigentlich keine Krimis lesen, weil ihnen das zu gruselig sei. Dann haben sie meine Bücher ausprobiert und weitergelesen.
Auch der Seligenstädter Dialekt gehört dazu.
Ja, das war mir wichtig. Ich finde, der darf nicht verloren gehen. Natürlich ist es für Menschen, die den Dialekt nicht kennen, manchmal schwierig zu lesen. Eine Freundin aus Frankfurt sagt mir, dass sie manche Sätze drei- oder viermal lesen muss, bis sie verstanden hat, was gemeint ist.
Aber für mich gehört das zur Authentizität. In Seligenstadt begegnet einem der Dialekt. Deshalb gehört er auch in meine Bücher.
„Da hat sie auch schon eine Leiche hingelegt“
Welche Rückmeldungen aus Ihrer Leserschaft sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Da gibt es viele schöne Sachen. Einmal kam eine Frau in den Buchladen und wollte mein neues Buch kaufen. Sie hatte keinen Zettel dabei und hat sich dort einen geben lassen. Darauf schrieb sie mir, wie gern sie meine Krimis liest, dass sie gar nicht mehr aufhören könne und dass ich unbedingt weitermachen solle. Solche kleinen Zettel finde ich großartig.
Ich bekomme auch E-Mails oder Karten. Und manche Menschen erzählen mir, dass sie Seligenstadt durch die Bücher inzwischen anders sehen. Die laufen durch die Stadt und sagen: „Ah, da hat sie auch schon eine Leiche hingelegt.“
Es gibt sogar Leute von außerhalb, die mit dem Buch durch Seligenstadt gegangen sind und geschaut haben: Wo ist die Figur entlanggelaufen? Wo war die Verfolgungsjagd? Genau deshalb ist mir wichtig, dass die Orte stimmen.
Der nächste Krimi ist schon in Arbeit
Wo können Leserinnen und Leser Sie demnächst erleben?
Die nächste größere Veranstaltung ist die Buchmesse in Aschaffenburg im Schloss im November. Dort darf ich wieder lesen und habe auch einen Büchertisch. Ich war schon mehrfach dabei. Vor zwei Jahren haben wir dort sehr viele Bücher verkauft. Das war ein tolles Erlebnis.
Und die wichtigste Frage: Kommt der nächste Seligenstadt-Krimi?
Ja. Ich muss jetzt Gas geben. Im Sommer bin ich beim Schreiben etwas ausgebremst worden, aber das Manuskript ist ungefähr zu drei Vierteln fertig.
Mein Ziel ist, Ende Oktober fertig zu sein. Danach brauche ich ungefähr vier Wochen für die Korrektur. Mein Mann liest als Erster, danach bekommen vier oder fünf weitere Leute das Manuskript. Wenn die Rückmeldungen eingearbeitet sind, mache ich zunächst das E-Book. Danach wird noch einmal kontrolliert, und erst dann geht es in den Druck.
Ende des Jahres ist mir der Termin wichtig. Das Buch soll vor Weihnachten erscheinen. Danach macht es keinen Sinn mehr – vor Weihnachten suchen die Leute schließlich Geschenke.
Frau Schönig, vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch für Seligenstadt Kompakt mit Rita Schönig in ihrer kriminellen Schreibwerkstatt führte Jessica Purkhardt.
Rita Schönig live erleben
Wer Rita Schönig und ihre Bücher live erleben möchte, hat dazu bei der 6. Aschaffenburger Buchmesse am Samstag, 14. November 2026, im Schloss Johannisburg Gelegenheit.
Eine weitere Gelegenheit gibt es bei der 7. Seligenstädter Lyriknacht am 17. Oktober 2026 um 19 Uhr im Jakobsaal des Josefshauses in Seligenstadt.