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„Ich bin gern Landwirt“

Bei der Kartoffelernte spricht Norbert Zöller über die Freude am Beruf, die Hofnachfolge und knapper werdende Ackerflächen.

Norbert Zöller hält zwei Kartoffeln in den Händen; vor ihm liegen frisch geerntete Kartoffeln auf der Erntemaschine.
Norbert Zöller bei der Kartoffelernte: Den Familienbetrieb führt er seit 2017 gemeinsam mit seinem Sohn.

Drei Generationen arbeiten auf dem Zöller-Hof. Beim Interview auf der Kartoffelernte-Maschine erzählt Norbert Zöller, was ihn an seinem Beruf begeistert – und was ihm Sorgen macht.

Drei Generationen bei der Kartoffelernte

Die Erntemaschine rattert, der Wind trägt Staub über das Kartoffelfeld. In Sichtweite verläuft die Autobahn. Auf dem Förderband ziehen Kartoffeln vorbei, dazwischen Erde, Steine und Knollen, die aussortiert werden müssen. Norbert Zöller greift zu, während er erzählt. Auf der anderen Seite des Bandes steht sein Vater und sortiert ebenfalls Kartoffeln. Vorne fährt sein Sohn den Traktor. Drei Generationen, gemeinsam bei der Ernte.

Das Gespräch findet mitten in der Arbeit statt. Die Hände bleiben beschäftigt, die Augen beim Förderband. Eine Maschine dieser Größe koste heute neu 100.000 Euro, erklärt Zöller gleich zu Beginn. Was Landwirtschaft bedeutet, lässt sich hier oben unmittelbar erleben: Technik und Handarbeit, Verantwortung und Erfahrung. Und eine Ernte, deren Ergebnis auch davon abhängt, wie das Wetter mitgespielt hat.

Eine Stimme für die Landwirtschaft

Herr Zöller, Sie sind Landwirt und Unternehmer, außerdem Ortslandwirt für Seligenstadt und Klein-Welzheim sowie Kreislandwirt. Was machen Sie in diesen Funktionen?

Als Kreislandwirt bin ich für die Verwaltung der Ansprechpartner, wenn es um landwirtschaftliche Themen im Kreis Offenbach geht. Auf örtlicher Ebene gibt es ebenfalls einen Ansprechpartner. Wird beispielsweise eine Umgehungsstraße geplant, wird der Ortslandwirt gefragt: Wie sind die Landwirte insgesamt und die einzelnen Betriebe von dieser Maßnahme betroffen? Solche Dinge besprechen wir mit dem zuständigen Amt für den ländlichen Raum in Bad Homburg. Und wenn jemand von der Presse etwas wissen möchte, ruft er häufig auch beim Ortslandwirt an.

Früher wurde der Ortslandwirt gewählt, als es hier noch 20 Bauern gab. Heute sind wir in Seligenstadt noch sieben. Wenn die Benennung wieder ansteht, sprechen wir uns im Vorfeld ab, melden das an die Behörde in Bad Homburg, und die benennt dann jemanden.

Dass Sie auch Ortslandwirt für Klein-Welzheim sind, liegt daran, dass Sie dort Flächen bewirtschaften?

Das hängt nicht zwangsläufig damit zusammen. Ich wurde für Klein-Welzheim eingesetzt, weil es dort keinen Ortslandwirt mehr gibt.

An Arbeit und Schreibkram dürfte es Ihnen auf dem Hof nicht fehlen. Warum übernehmen Sie zusätzlich solche Aufgaben?

Weil wir uns als Landwirte heute ständig damit beschäftigen müssen, dass viele Menschen keinen Bezug mehr zur Landwirtschaft haben. Wir erleben beispielsweise, dass wir mit einem beladenen Anhänger über einen Feldweg fahren und jemand mit dem Fahrrad erwartet, dass wir damit ins Feld ausweichen. Dann heißt es: Das ist mein Weg als Fahrradfahrer.

Ich versuche, bei Veranstaltungen und in Presseartikeln auf die Belange der Landwirtschaft hinzuweisen und Verständnis für unsere Arbeit zu wecken. Deshalb haben wir auch immer wieder Schulklassen auf dem Hof. Wenn nicht wir, wer soll den Kindern etwas über die Lebensmittelproduktion vor Ort erzählen? Die Lehrkräfte können das auch nicht alles vermitteln, viele wissen es selbst nicht mehr.

Je städtischer eine Region geprägt ist, wie hier im Ballungsraum Rhein-Main, desto größer wird der Abstand zwischen den Menschen, die in der Stadt wohnen, und denen, die auf dem Land arbeiten. Da möchte ich mit Aufklärungsarbeit etwas beitragen.

Vom Milchvieh zur Kartoffelproduktion

Sie haben gerade von sieben Landwirten in Seligenstadt gesprochen. Einer dieser Betriebe ist Ihr Zöller-Hof. Wie hat er sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten verändert? Ich habe beispielsweise gesehen, dass Sie auch Ferienwohnungen anbieten.

Zunächst: Es sind sieben Haupterwerbslandwirte, also Landwirte, die von der Landwirtschaft leben. Bei uns war eine wesentliche Veränderung, dass wir vor zehn Jahren mit der Milchviehhaltung aufgehört haben. Wir hatten 25 Kühe und waren der kleinste Milchviehbetrieb hier in der Region.

Als unser Junior sich entschieden hat, im Betrieb weiterzumachen, standen wir vor der Frage, ob wir in die Tierhaltung investieren. Das hätte einen neuen Kuhstall für eine entsprechend größere Herde bedeutet. Eine Million Euro hätte dafür nicht gereicht. Und bis diese Million wieder reingemolken wäre, ist der Junior Rentner.

Deshalb haben wir die Milchviehhaltung eingestellt und stattdessen mehr in die Kartoffelproduktion investiert. Wir haben den Anbau ausgeweitet und eine neue Lagerhalle mit Kühlhaus gebaut. Auch dieser Schwerpunkt ist mit einem hohen Marktrisiko verbunden, etwa wenn es wie im vergangenen Jahr ein Überangebot gibt. Aber dieses Risiko trägt jeder Unternehmer. Nach meiner Philosophie muss man darauf achten, dass es überschaubar bleibt.

Ein großer Stein, der in die Maschine geraten ist, lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was neben den Kartoffeln aus dem Boden kommt. Dieses Feld bewirtschaftet die Familie noch nicht lange. Zum ersten Mal baut sie hier Kartoffeln an.

Da kommen offenbar auch andere Schätze zum Vorschein.

Ja, und wenn so etwas unten in die Maschine gerät, kann es richtig Bruch geben. Die großen Steine nehmen wir mit und schauen, wo wir sie vernünftig unterbringen. Mit geeigneten Lesesteinen kann man beispielsweise Löcher in Feldwegen füllen. Aber so einen großen Stein kann man natürlich nicht einfach auf den Feldweg werfen.

Gut, dass Ihr Sohn den gesehen hat.

Der vorne auf dem Traktor hat mehr Verantwortung, als es aussieht. Er muss darauf achten, dass hier nichts zum Stillstand kommt. Über eine Kamera sieht er auch, was wir hier machen. Und wenn er richtig hinschaut, sieht er solche Dinge wie gerade eben.

Hitze, Ernte und Erntedank

Lässt sich schon eine Bilanz für das Landwirtschaftsjahr 2026 ziehen?

Ja, die meiste Ernte ist abgeschlossen, Getreide und Raps sind geerntet. Bei uns auf den relativ leichten Böden waren das witterungsbedingt etwa 20 bis 30 Prozent weniger Ertrag als normal. Bei den Kartoffeln ist es hier trotz Beregnung ungefähr ein Drittel weniger.

Die Kartoffel verträgt die extreme Hitze nicht. Mit der Beregnung kann man sie am Leben halten. Aber wenn es heißer als etwa 30 Grad ist, wächst sie nicht mehr. Deshalb haben wir relativ viele kleine Kartoffeln. Normalerweise müssten sie größer sein. Wer Kartoffeln speziell für die Pommesproduktion anbaut, bekommt dann eben kürzere Pommes.

Dann muss ich beim nächsten Mal auf die Länge achten. Bald steht auch Erntedank an. Welche Bedeutung hat dieses Fest hier für die Landwirtschaft?

In unserer Region ist das nicht so präsent. Das Erntedankfest hat hier nicht die Bedeutung, die man landläufig vielleicht damit verbindet.

Dabei könnten gerade die Verbraucher dankbar sein, dass jemand ihre Lebensmittel vor Ort anbaut. Regional erzeugt ist gefragt. Aber ist den Menschen bewusst, dass Sie und Ihr Vater dafür hier stehen und Kartoffeln sortieren?

Vielen nicht, vor allem den Jüngeren. Die Generation meines Vaters weiß noch, was das für eine Arbeit ist. Am 1. Oktober kommt wieder eine Schülergruppe aus Klein-Auheim zu uns. Die Kinder haben so etwas in der Regel noch nie gesehen. Sie kennen Kartoffeln aus dem Supermarkt, gewaschen im Netz oder im Plastikbeutel.

Dass dazu Staub gehört, Lärm, Dreck, Geruch und das Aussortieren schlechter Kartoffeln, erleben sie meist zum ersten Mal, wenn sie selbst auf der Erntemaschine stehen. Wir nehmen sie in Achtergruppen mit, vier auf jeder Seite. Dann bekommen sie einen Eindruck, den man anders kaum vermitteln kann. Man kann vieles in Filmen, Lehrbüchern oder auf Arbeitsblättern zeigen. Aber den Originalgestank einer faulen Kartoffel ersetzt das nicht. (lacht)

Auch die Menge auf dem Förderband erzählt etwas über dieses Erntejahr. Bei normalem Ertrag, erklärt Zöller, wäre der Bunker – der Vorratsbehälter der Maschine – schon nach einer Reihe fast voll. Dann müsste an beiden Enden des Feldes jeweils ein Anhänger bereitstehen. Außerdem haben Mäuse und Wildschweine an den Kartoffeln gefressen. Der Schaden sei hier noch überschaubar, sagt er, anders als im Mais.

Schließlich ist der Bunker voll. Wir unterbrechen das Gespräch und fahren zu den Anhängern, die auf dem Feldweg bereitstehen. Die Kartoffeln werden umgeladen. Danach geht es zurück aufs Feld, zurück ans Förderband – und zur Frage, warum die einen einen Hof aufgeben und die anderen weitermachen.

Die nächste Generation übernimmt

Früher 20 Bauern, heute sieben: Manche haben sich offenbar anders entschieden. Bei Ihnen sitzt die nächste Generation schon vorne auf dem Traktor.

Ja. Ein Beispiel für einen anderen Weg ist der Landgasthof Neubauer, wo man sich für den Gasthof entschieden hat. Bei anderen Betrieben war die Nachfolgegeneration nicht da. Wir hatten das Glück, dass unser Junior gesagt hat: „Ja, mache ich.“

Er hat erst einmal eine landwirtschaftliche Ausbildung gemacht und anschließend noch eine weiterführende Ausbildung. Seit 2017 führen wir den Betrieb gemeinsam als Gesellschaft bürgerlichen Rechts.

Wer sich heute entscheidet, einen solchen Familienbetrieb weiterzuführen, tut das vermutlich nicht in erster Linie, um reich zu werden. Was hat Sie selbst bei der Landwirtschaft gehalten?

Mit unseren beruflichen Qualifikationen hätten mein Sohn und ich auch anderswo unser Geld verdienen können. Ich bin jetzt die achte Generation auf diesem Hof. Aber als ich in der zehnten Klasse war, wollte ich ursprünglich mal Polizist werden. Es war für mich nicht von Anfang an klar, dass ich auf den Hof gehe.

Dann habe ich die Ausbildung gemacht und irgendwann überlegt: Warum soll ausgerechnet ich es nicht machen, wenn ich eine vernünftige Ausbildung habe und die familiären Voraussetzungen stimmen? Ich halte den Beruf Landwirt für einen der vielseitigsten, die es gibt, mit allem, was dazugehört – auch mit dem Risiko. Ich bin gern Landwirt. Das macht mir Spaß.

Bürokratie, Idealismus und Tradition

Was gehört zu den Dingen, auf die Sie trotzdem gern verzichten würden?

Die ganzen Verwaltungsaufgaben und die Überwachung. Unsere Flächen werden alle fünf Tage vom Satelliten erfasst. Ein Beispiel: Wir haben vor einigen Wochen unsere Sommergerste geerntet. Die Sorte, die wir anbauen, kann man auch schon im Herbst aussäen. Bei der Meldung habe ich Sommergerste eingetragen, weil es Sommergerste ist.

Das System hat aber festgestellt, dass die Aufnahmen vom November und Dezember nicht zur Sommergerste passen. Dann kam eine Meldung vom Landwirtschaftsamt, und ich sollte erklären, warum das System diesen Fehler anzeigt. Ich musste für die betreffenden Äcker darlegen: Es ist tatsächlich Sommergerste, wird vom System aber wie Wintergerste eingeordnet, weil sie schon vor dem Winter gesät wurde. Mit solchen Dingen beschäftigen wir uns. Das ist eigentlich absurd.

Auch bei der Bewirtschaftung einer Wiese kann eine Meldung kommen, in der wir erklären sollen, warum eine Tätigkeit nicht ausgeführt wurde. Dann müssen wir das nacharbeiten, mit Fotos dokumentieren und Bilder mit GPS-Daten hochladen, damit die betreffende Fläche eindeutig zugeordnet werden kann.

Man muss als Landwirt also unternehmerisch denken können.

Ja, sonst bleibt vom Betrieb nichts übrig. Wenn ich nur mit dem Traktor durch die Gegend fahre, weil es mir Spaß macht, funktioniert das nicht.

Sie führen den Hof in der achten Generation. Braucht es daneben auch Traditionsbewusstsein?

Ja, davon bin ich überzeugt. Ohne dieses Traditionsbewusstsein wird es schwierig, gerade wenn man Rückschläge überwinden muss. Wenn die Erntemaschine ausfällt oder eine andere teure Maschine kaputtgeht, mit der man eigentlich noch länger gerechnet hatte. Idealist muss man auf jeden Fall sein. Und Tradition gehört für mich dazu. Viele meiner Kollegen sehen das ähnlich.

Aber bei der jungen Generation ist das nicht mehr selbstverständlich. Die sieht den Beruf und gleichzeitig die anderen Möglichkeiten, die sie hat. Bei meinen Großeltern und meinem Vater stand die Hofnachfolge kaum zur Diskussion. Bei mir war das schon etwas anders. Und der Generation, die jetzt übernimmt, stehen noch viel mehr Wege offen.

Wasserfässer für die Feuerwehr

In diesem trockenen Sommer haben Landwirte gefüllte Wasserfässer für mögliche Flächenbrände bereitgestellt. Das ist eine Leistung, die mit dem Lebensmittelanbau erst einmal wenig zu tun hat und öffentlich leicht übersehen wird. Waren Sie daran beteiligt?

Ja, die Organisation lief über mein Telefon. Wir hatten vor drei Jahren selbst einen Flächenbrand in Klein-Welzheim. Deshalb weiß ich, was es bedeutet, wenn es da brennt. Dieses Jahr hat die Feuerwehr mich angerufen, und wir haben besprochen, was wir machen können.

Ich habe das in unsere WhatsApp-Gruppe gegeben. Innerhalb kurzer Zeit hatten wir acht oder zehn Leute zusammen, auch aus Froschhausen, die gesagt haben: „Jawohl, wir machen das. Wir stellen unsere Fässer voll hin, damit wir im Ernstfall schnell reagieren können.“

Mussten die Wasserfässer eingesetzt werden?

Dieses Jahr bei uns nicht, in Heusenstamm schon. Dort hat es gebrannt, und die Landwirte sind mit Wasserfässern hingefahren.

Für mich ist es selbstverständlich, dass wir helfen, wenn wir gefragt werden. Wir wissen genau: Es kann uns selbst treffen. Bei einem Getreidebrand können sehr schnell große Flächen brennen. Die freiwillige Feuerwehr kann das allein nicht alles leisten, auch die Randbereiche zu den noch nicht brennenden Flächen zu sichern. Da braucht sie Unterstützung.

Während Zöller erzählt, sortiert er weiter. Sein Vater arbeitet gegenüber am Band, vorne zieht der Traktor die Maschine über den Acker. Mit der Autobahn im Blick sprechen wir über den Platz, der der Landwirtschaft im Ballungsraum bleibt.

Wenn der Landwirtschaft die Flächen fehlen

Neben der Bürokratie: Welche wirtschaftlichen oder politischen Herausforderungen setzen die Betriebe hier besonders unter Druck?

Das zentrale Problem ist der Flächenverlust. Wir haben hier historisch bedingt Realteilungsgebiete. Das bedeutet, dass die Flächen von Generation zu Generation aufgeteilt wurden. Entsprechend klein sind die einzelnen Grundstücke. In der Regel gehören den Landwirten hier nur ungefähr zehn Prozent ihrer bewirtschafteten Flächen selbst, etwa 90 Prozent sind gepachtet.

Gleichzeitig ist der Siedlungsdruck im Ballungsraum sehr groß. In den Kommunen werden Baugebiete, Gewerbegebiete, Umgehungsstraßen, Sportplätze oder Golfplätze ausgewiesen. Dann verlieren die Landwirte ihre Flächen in aller Regel ersatzlos. Und ein Landwirt ohne Land, das ist schon schwierig.

Das macht auch die Perspektive unsicher: Wie lange haben wir diese Flächen noch? Hier auf der anderen Seite der Brücke kommt eine Freiflächen-Photovoltaikanlage. Davon sind auch Pachtflächen betroffen, die wir bisher bewirtschaftet haben und jetzt verlieren.

Wem gehören diese Flächen? Der Stadt?

Nein, verschiedenen Privatleuten. Da hatten beispielsweise die Großeltern noch Landwirtschaft. Die nächste Generation hat nicht weitergemacht, die Flächen geerbt und verpachtet sie jetzt für ein Vielfaches dessen, was wir bezahlen können.

Wir müssen die Pacht mit dem erwirtschaften, was wir anbauen und verkaufen. Da ist irgendwann eine Grenze erreicht. Die Betreiber bezahlen das 30-Fache dessen, was wir als Landwirte bezahlen können. Da können wir nicht mithalten.

Den Eigentümern kann man nicht verdenken, dass sie an diese Betreiber verpachten. Aber wenn das so weitergeht, haben wir hier in ein paar Jahren vielleicht Strom regional, aber nichts mehr zu essen regional.

Zu der Fläche für ein Bauvorhaben kommen häufig noch Ausgleichsflächen hinzu. Was bedeutet das für Sie?

Diese naturschutzrechtlichen Ausgleichsflächen gehen uns in der Regel ebenfalls verloren. Egal, ob es um Photovoltaik, ein Baugebiet oder eine Straße geht: Die Ausgleichsmaßnahmen werden mitgeplant.

Nehmen Sie den ersten und zweiten Abschnitt der Umgehungsstraße. Da hat die Straße eine Fläche von ungefähr acht Hektar gebraucht, dazu kamen 20 Hektar für Ausgleichsmaßnahmen. Das Land Hessen war der Bauträger und hat festgelegt, wo diese Maßnahmen hinkommen. Das sind Flächen, die dem Land oder der Stadt gehören, oder Privatflächen, die an die entsprechenden Behörden verkauft oder verpachtet werden, meistens verkauft. Für uns sind sie dann auch weg.

Wieder ist der Bunker voll. Zum zweiten Mal fahren wir zu den bereitgestellten Anhängern auf dem Feldweg und unterbrechen das Interview zum Umladen. Anschließend geht die Ernte weiter. Mit den nächsten Kartoffeln auf dem Band kehrt das Gespräch zu dem zurück, was Zöller im Umgang mit der Öffentlichkeit und den Behörden beschäftigt.

Feldwege, Pachtfragen und Behörden

Sie haben anfangs vom fehlenden Verständnis auf den Feldwegen erzählt. Beschäftigt Sie das im Alltag häufig?

Ja. Neben dem Flächenverlust ist die Akzeptanz in der Bevölkerung ein Problem. Es wird teilweise als selbstverständlich angesehen, dass die Bauern mit ihren Fahrzeugen zur Seite fahren müssen.

Dabei wurden die Feldwege für die Landwirtschaft angelegt.

Deshalb heißen sie Feldwege. Und die Bauern haben sie bei der Flurbereinigung Anfang der 1960er-Jahre auch mitbezahlt.

Das hat mir auch einmal ein Landwirt beim Radfahren erzählt. Er war ganz überrascht, dass ich ihm Platz machte, nachdem eine andere Radfahrerin von ihm erwartet hatte, auszuweichen. Als Orts- und Kreislandwirt sind Sie außerdem Ansprechpartner für Ihre Kollegen. Mit welchen Anliegen kommen die zu Ihnen?

Mit ganz unterschiedlichen. Ein Kollege hat beispielsweise große Probleme mit Wildschweinen und fragt, ob ich helfen kann, damit der Jagdpächter sich darum kümmert. Andere melden sich, weil ihnen eine Pachtfläche gekündigt wird oder die Eigentümer höhere Pachten verlangen. Dann kann ich manchmal die öffentlichen Pachtpreise als Orientierung nennen.

Es geht auch um Schwierigkeiten mit Behörden oder um Stellungnahmen. Wenn beispielsweise zum dritten Abschnitt der Umgehungsstraße etwas zu schreiben ist, rufen Kollegen an, die vielleicht stärker betroffen sind als ich, und fragen, ob ich bei der Formulierung helfen kann.

Können Sie bei Problemen mit Behörden immer etwas erreichen?

Manchmal kann ich helfen, manchmal nicht. Wir hatten einen Kollegen, der Hühner vermietet hat, etwa an Familien, die einmal zwei Wochen lang Hühner halten wollten. Dann kamen zwei junge Mitarbeiter des Veterinäramts, frisch von der Universität, und machten ihm Auflagen, die am Ende dazu geführt haben, dass er seine Hühnerhaltung eingestellt hat.

Eine Forderung war beispielsweise: Wenn die Tiere von einer Familie zurückkommen, soll ein Tierarzt sie untersuchen, und sie müssen zwei Wochen in Quarantäne, damit keine Krankheiten übertragen werden. Der Kollege hat gesagt, dass er das bei der Zahl seiner vermieteten Hühner mit seinen räumlichen Möglichkeiten nicht leisten kann. Es gab noch weitere Auflagen. In diesem Fall konnte ich nicht helfen, weil die Behörde damals auf ihren Forderungen bestanden hat.

Landschaftspflege als weiteres Standbein

Landwirtschaft produziert Lebensmittel, prägt aber seit Jahrhunderten auch unsere Landschaft. Wie verbinden Sie Landschaftspflege und wirtschaftliches Arbeiten auf Ihrem Hof?

Wir haben vor vielen Jahren eine Landschaftspflegegemeinschaft in Seligenstadt gegründet. Die gibt es formal auch heute noch, jedenfalls auf dem Papier. Damals haben wir uns als Landwirte zusammengeschlossen und für die Stadt verschiedene Pflegeaufträge übernommen. Das machen wir weiterhin, in der Regel im Winter. Beispielsweise Heckenrückschnitte, die der städtische Bauhof aus personellen Gründen nicht mehr selbst leisten kann.

Seit vergangenem Jahr gibt es außerdem einen Landschaftspflegeverband im Kreis Offenbach. Da sind wir Mitglied. Kollegen haben mich gefragt, ob sie mitmachen sollen. Ich habe gesagt: Wer Interesse hat, soll ruhig mitmachen. Das wurde auch vom Land Hessen gefördert. Wie sich der Verband entwickelt und ob das Bestand hat, werden wir sehen. Unsere bisherigen Pflegearbeiten machen wir jedenfalls weiter.

Was gehört außer Heckenrückschnitten und Arbeiten an Feldwegen noch dazu?

Zum Beispiel Pflegemaßnahmen in Naturschutzgebieten und das Abfahren von Mähgut. Ein Kollege hier im Ort hat sich darauf spezialisiert und macht das schon seit vielen Jahren. Anderswo gehören auch Pflanzmaßnahmen oder Arbeiten mit Spezialmaschinen dazu. Hier hat sich ein Landwirt eine Baumschere angeschafft, mit der er Hecken zurückschneiden kann.

In anderen Regionen gibt es Betriebe, die solche Arbeiten zum Teil über den Maschinenring anbieten und auch im Forst tätig sind. Manche übernehmen auch die Pflege von Übungsplätzen. Auf unserem Hof gehört Landschaftspflege seit einigen Jahren dazu, hat aber eine untergeordnete Bedeutung. Wir haben keinen Betriebsschwerpunkt Landschaftspflege.

Zuversicht und Wachstum mit Augenmaß

Wir haben über viele Herausforderungen gesprochen. Gibt es auch Anlass zur Zuversicht?

Für viele Kollegen ist das schwierig. Ich persönlich bin grundsätzlich ein zuversichtlicher Mensch, sonst hätte ich den Beruf auch nicht gemacht.

Kann man für die Landwirtschaft in Seligenstadt zuversichtlicher sein als andernorts?

Ja. Die Betriebe, die hier noch tätig sind, sind zukunftsfähig aufgestellt. Da sind junge Leute im Betrieb, die weitermachen wollen. Wenn sich die Rahmenbedingungen nicht dramatisch weiter verschlechtern, werden diese Betriebe auch weitergehen.

Einer hat eine Pferdepension, einer macht Biogemüse, ein anderer Kartoffelanbau. Einer hat einen größeren Hofladen oder beliefert Marktstände. Einen Milchviehhalter haben wir hier noch; in den 1950er-Jahren waren es sehr viel mehr.

In anderen Regionen haben sich Betriebe teilweise mit sehr hohem Kapitaleinsatz spezialisiert. Manche haben sich dabei finanziell übernommen und mussten aufgeben. In Seligenstadt gibt es aus meiner Sicht keinen Betrieb, der finanziell an der Wand steht.

Woran liegt das?

Die Leute fahren auf Sicht. Da ist keiner dabei, der meint, er müsse auf einen Schlag sehr viel Geld in eine bestimmte Richtung investieren. Das ist alles gewachsen, bei uns auch der Kartoffelanbau. Wir haben über viele Jahre immer ein bisschen mehr gemacht, von drei auf fünf oder sieben Hektar aufgestockt, nicht von 20 auf 100.

Von unserem Lieferanten habe ich erfahren, dass andere Betriebe ihren Kartoffelanbau im vergangenen Jahr innerhalb kurzer Zeit von 20 auf 100 Hektar erweitert haben, ohne eine gesicherte Vermarktung zu haben. Die haben Probleme bekommen und zum Teil wieder aufgehört. Von zwei Kollegen weiß ich konkret, dass sie den Kartoffelanbau ganz eingestellt und ihre Maschinen verkauft haben, weil sie die Nase voll hatten. Deshalb ist mir wichtig, dass die Entwicklung überschaubar bleibt.

Herr Zöller, vielen Dank für das Gespräch und dafür, dass ich Sie bei der Kartoffelernte begleiten durfte.

Das Gespräch für Seligenstadt Kompakt führte Jessica Purkhardt.

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