Vereine & Ehrenamt

Gemeinsam vor Ort die Welt verändern

Traudel Kramer vom Zonta Club erzählt, wie Frauen in Seligenstadt etwas bewegen – und warum orange Bänke dabei mehr als ein sichtbares Zeichen sind.

Traudel Kramer, Präsidentin des Zonta Clubs Seligenstadt.
Traudel Kramer und ihre Mitstreiterinnen im Zonta Club wollen Frauen stärken und etwas bewegen. Im Gespräch erzählt sie, wie Begegnungen den Blick verändern – und aus guten Ideen konkrete Hilfe wird.

Licht fällt in das gepflegte Fachwerkhaus in der Seligenstädter Altstadt. Draußen blüht ein schöner Oleander, drinnen sitzt Traudel Kramer und bietet gleich das Du an. Das passe zum Zonta-Gedanken, sagt sie: miteinander sprechen, auf Augenhöhe. Seit Juni ist sie Präsidentin des Zonta Clubs Seligenstadt, der in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiert. Im Gespräch erzählt sie, was die Frauen zusammenbringt, warum orange Bänke mehr als Sitzgelegenheiten sind und wie aus einem Vortragsabend ganz konkrete Hilfe werden kann.

Frauenrechte brauchen Engagement

Traudel, wie bist du selbst zu Zonta gekommen?

Eine Bekannte hat mich damals in der Gründungsphase angesprochen. Sie meinte, ich würde für diese Themen stehen und könnte das Team auch mit meinen IT-Kenntnissen ergänzen. Für Frauenrechte und Gleichstellung einzustehen – da habe ich sofort gesagt: Klar, da bin ich dabei.

Den Namen Zonta hatte ich vorher allerdings selbst noch nie gehört. Wir haben uns dann zusammengesetzt, den Verein gegründet und uns nach und nach die ersten Aktionen einfallen lassen.

Vielen dürfte es ähnlich gehen: Sie kennen vielleicht den Namen oder eine der orangefarbenen Bänke. Was steckt hinter Zonta?

Zonta ist ein weltweites Netzwerk von Frauen, die sich beruflich und persönlich dafür engagieren, die Lebenssituation von Frauen und Mädchen zu verbessern. Es geht um Bildung, Frauenrechte, Gleichstellung und ein Leben ohne Gewalt.

Dabei haben wir zwei Schwerpunkte: Wir helfen mit konkreten Projekten vor Ort. Gleichzeitig setzt sich Zonta dafür ein, die Ursachen von Benachteiligung zu verändern. Dafür gibt es den Begriff „Advocacy“, also Fürsprache. Über das größere Netzwerk werden diese Anliegen auch gesellschaftlich und politisch eingebracht.

Wer sind die Frauen, die sich in Seligenstadt dafür zusammengefunden haben?

Wir sind zurzeit 17 Frauen mit ganz unterschiedlichen beruflichen Hintergründen. Dazu gehören beispielsweise eine Ärztin, eine Apothekerin, eine Juristin, eine Hebamme und eine Lehrerin.

Genau das macht für mich den Charme aus. Man kommt aus der eigenen Blase heraus und erfährt, welche Themen und Probleme andere in ihrem Beruf beschäftigen. Über diese Kontakte entstehen auch unsere Vortragsabende. Da bekommt man Einblicke, die man sonst nicht so unmittelbar hätte.

Muss man Mitglied sein, um einen solchen Vortrag zu besuchen?

Nein, zu unseren offenen Vortragsabenden kommen auch Gäste und Interessierte. Man kann erst einmal zuhören und uns kennenlernen.

Wir hatten beispielsweise einen Vortrag über Gendermedizin und zuletzt einen über die medizinische Versorgung von Menschen ohne Krankenversicherung. Man erfährt dabei viel mehr über die Hintergründe. Das finde ich toll.

Ein Vortragsabend über Menschen ohne Krankenversicherung hat dich offenbar besonders beschäftigt.

Ja, viele von uns haben zunächst gedacht: Wer ist denn bitte in Deutschland nicht versichert? Eine Ärztin, die sich im Ruhestand bei den Maltesern in Offenbach engagiert, hat uns von der Sprechstunde für Menschen ohne Krankenversicherung erzählt. Da wurde deutlich, wie viele Menschen durch das Raster fallen.

Es gab unglaublich viele Fragen: Wer kommt dorthin? Welche Erkrankungen haben die Menschen? Wie kann geholfen werden? Das war ein sehr lebhafter Abend, der auch danach noch im Kopf geblieben ist.

Am Ende lagen 500 Euro in der Spendenbox. Für einen Vortragsabend ist das für uns eine große Summe. Das Geld haben wir vollständig an die Malteser weitergegeben und inzwischen auch überreicht. Die haben sich unheimlich gefreut.

500 Euro kamen zusammen, nachdem eine Ärztin über die Versorgung von Menschen ohne Krankenversicherung berichtet hatte. Der Zonta Club Seligenstadt übergab die Spende vollständig an die Malteser in Offenbach und unterstützt damit die medizinische Hilfe für Menschen, die durch das soziale Netz fallen. Bild: Zonta Seligenstadt

Wo siehst du hier in der Region besonderen Unterstützungsbedarf für Frauen und Mädchen?

Ein wichtiges Thema ist das Frauenhaus in Rodgau, das wir auch finanziell unterstützt haben. Frauen, die in Not geraten, brauchen Schutz und verlässliche Unterstützung. Die Einrichtungen müssen aber immer wieder um ihre Finanzierung kämpfen.

Ein weiteres Thema ist der Einstieg oder Wiedereinstieg ins Berufsleben, etwa nach einer Familienpause. Wenn dann sprachliche Schwierigkeiten oder fehlende Mobilität dazukommen, wird es schnell kompliziert. Wir haben uns einen Verein aus Frankfurt angehört, der Frauen dabei begleitet. Solche unterstützenden Angebote würde ich mir hier in der Region stärker wünschen.

Wie entscheidet ihr, welches Projekt ihr anpackt?

Vieles entsteht durch unsere Kontakte. Eine von uns besucht einen Vortrag bei einem anderen Zonta Club, bringt ein Thema mit und sagt: Das könnte auch etwas für uns sein. Oder jemand hat im eigenen beruflichen Umfeld etwas kennengelernt.

Unsere Lehrerin hat beispielsweise von einem Gewaltpräventionsprojekt an ihrer Schule berichtet, das sehr gut angekommen ist. Wir haben uns das angesehen und Kontakt zur Einhardschule aufgenommen. Dort wollen wir das Projekt im Frühjahr umsetzen.

Natürlich schauen wir auch, was wir als kleiner Club überhaupt leisten können. Wir können nicht alles selbst stemmen. Aber wir können auf Themen aufmerksam machen und dort helfen, wo es uns möglich ist.

Gewalt sichtbar entgegentreten

Besonders sichtbar sind eure orangefarbenen Bänke mit der Botschaft gegen Gewalt an Frauen. Wie kam es dazu?

Anfangs haben wir zum Aktionstag öffentliche Gebäude orange beleuchtet, etwa das Rathaus und den Steinheimer Turm. Mit der Energiekrise haben wir gesagt: Das passt nicht mehr so gut. Außerdem war die Beleuchtung immer nur für diesen einen Tag zu sehen.

Die Idee mit den orangefarbenen Bänken kannten wir von anderen Zonta Clubs. Wir haben dann mit der Stadt gesprochen und angeboten, Bänke zu finanzieren und orange streichen zu lassen. Gemeinsam haben wir Standorte ausgesucht, an denen ohnehin ein Austausch anstand.

So sind fünf Bänke im Stadtgebiet entstanden, eine davon im Schwimmbad. Damit bleibt das Thema das ganze Jahr präsent.

Du betonst, dass Gewalt gegen Frauen nicht allein ein Frauenthema ist.

Ja, Frauen sind häufig die Leidtragenden. Aber es gibt auch viele Männer, die sagen: Damit sind wir nicht einverstanden, das müssen wir ändern. Deshalb müssen wir das gemeinsam mit Männern angehen.

Gewalt gegen Frauen, Gewalt gegen Menschen überhaupt, ist ein No-Go. Auch deshalb ist uns die Prävention so wichtig.

Vor Ort aktiv, weltweit verbunden

Ihr veranstaltet auch Kinoabende und Lesungen. Wie viel Arbeit steckt dahinter?

Da steckt viel Herzblut drin, aber es macht auch unheimlich viel Spaß. Es machen nicht immer alle alles. Wir haben Arbeitsgruppen, beispielsweise für „Zonta says No“ oder für den Kinoabend. Die Kinogruppe sucht gemeinsam mit unserem Kino einen passenden Film aus.

Wir sind auch offen für neue Ideen und Kooperationen. Bei der Lesung mit dem Kunstforum kam die Anfrage beispielsweise von dort. Die Veranstaltung war dann ausverkauft, und wir haben so viel positives Feedback bekommen. Das bestärkt uns natürlich darin, so etwas wieder zu machen.

Was bedeutet dir die Verbindung zu Zonta-Frauen in anderen Ländern?

Ich war bei Treffen in Kopenhagen und in diesem Jahr in Bologna. Das bestärkt einen sehr. Man merkt, dass andere Clubs ähnliche Fragen beschäftigen: Wie gewinnen wir Mitglieder? Wie machen wir unsere Arbeit bekannt? Wie erreichen wir Menschen mit unseren Themen?

Hier in Seligenstadt sind wir eine kleine Gruppe. Bei solchen Begegnungen erlebt man, dass man Teil von etwas Größerem ist. Und man bekommt neue Ideen, erfährt von anderen Erfahrungen und kann voneinander lernen.

Gemeinsam Verantwortung übernehmen

Seit Juni bist du Präsidentin. Musst du jetzt diejenige sein, die alles organisiert und überall vorne steht?

Nein, überhaupt nicht. Wir sind ein Team. Jede bringt ihre Fähigkeiten ein. Die eine kennt sich mit der Webseite und mit Technik aus, eine andere spricht gern vor vielen Menschen. Und wieder eine andere sagt: Ich mache alles, nur bitte das nicht.

Es gibt bei uns kein „Das muss die Präsidentin machen“. Wir verteilen die Aufgaben so, dass wir uns gegenseitig unterstützen. Ich bin zunächst für ein Jahr gewählt. Das hält die Verpflichtung überschaubar. Ob noch ein weiteres Jahr dazukommt, kann man dann sehen.

Was möchtest du in deiner Amtszeit besonders voranbringen?

Ich möchte, dass wir in Seligenstadt bekannter werden. Es gibt immer noch Menschen, die fragen: Was ist Zonta, was macht ihr eigentlich? Wir möchten die Themen nach draußen bringen und das Verständnis dafür in der Gesellschaft stärken.

Viele unserer Projekte wirken langfristig. Die Ergebnisse lassen sich nicht unbedingt nach einem Jahr ablesen. Aber wenn mich jemand anspricht und sagt: Das fand ich super, davon wusste ich vorher gar nichts – dann ist das für mich schon ein Erfolg. So wie bei unserem Vortragsabend, aus dem schließlich die Spende für die Malteser entstanden ist.

Traudel, vielen Dank für das Gespräch und die Einblicke in eure Arbeit.

Das Gespräch für Seligenstadt Kompakt führte Jessica Purkhardt.

Mehr Infos über den Zonta Club gibt es hier: Zonta Club of Seligenstadt

Artikel teilen: